Samstag, 30. Juni 2018

Schlifi und Schlufi - Schildkrötengeschichte Teil1

Die Schildkrötenbrüder Schlifi und  Schlufi leben seit kurzem im öden Hinterhof mit wenig Wiese und kleinem Auslauf. Jeden Tag das gleiche eintönige Futter: faulige Tomaten, modrige Gurken, welker Salat und stinkendes Wasser. Immer die gleich doofen Runden. Zum Verzweifeln.

Das Leben von Menschen,  Tieren, Autos und Velos beobachten sie nur durch einen schmalen Durchlass im Hof.

"Ohjee "jammert Schlifi eines Tages, "es ist soo langweilig hier drinnen. Ich bin noch jung und möchte etwas von der Welt sehen. Was meinst du Schlufi? "

Schlufi denkt kurz nach, und meint dann:  "Ja, du hast recht, hier drinnen lernen und erfahren wir effektiv nichts von dieser Welt draussen.

"Aber wie kommen wir da raus?", rätselt der kleine Bruder.

"Also Ausbrechen sollte kein Problem sein", erwidert der Grosse. Ich habe eine Woche lang, während  du den Mittagsschlaf gehalten hast, dort in der Ecke gelegen und gegraben. Tatatatiitataa! Das Tor in die Freiheit wartet darauf durchschritten zu werden!".
Viel Stolz und Feierlichkeit begleiten Schlufis sorgfältig ausgesuchte Worte.

"Hey, du bist ja total irre "meint Schlifi darauf hin.
"Ich habe gepennt, und du hast geschuftet. Du bist nicht nur der Grosse. Du bist echt der Grösste. "

"Hauen wir nun gleich ab, oder beobachten wir da draussen mal einen Tag lang was alles so läuft?
Es lauern ja viele Gefahren, und wir müssen achtsam sein, wenn wir unsere Abenteuerreise heil überstehen wollen! "Was denkst du ? "

"Na ja, etwas mulmig ist mir schon. Aber was soll's. So eine Chance kriegen wir nie wieder."

Gesagt, getan.
Etwas ungelenk quetscht sich Schlufi durch die enge Öffnung ins Freie. Schlifi ist ihm dicht auf dem Fersen. "He, wart auf mich!" Plopp. Die Welt hat zwei neue Abenteurer
.
"Uiiiiiii, wo hast du denn da nur hingegraben Schlufi? Schau mal die vielen Menschen.
Autsch, schon der erste Tritt. - Aua, das tut weh! - Wo bin ich denn gelandet?
Schlufi, Schlufii, Hilfe, Ich sehe dich nicht mehr! Mir ist ganz schwindelig! Schlufiii!"

Schlufi ist in Gedanken ganz woanders.
"Was sehe ich denn da?" wundert er sich. Die Rufe des Bruders nimmt er gar nicht wahr.
"Wow, das ist ein Brett auf Rädern, mal sehen, vielleicht taugt das Ding, um uns schnellstmöglichst von hier wegzubringen... Uch, ist das streng. So - zuerst ein Bein, dann das andere.
Hoppla, das fängt an zu fahren, was mache ich nun mit den Hinterbeinen? "

Wie es das Schicksal will, saust unsere kleine Schildkröte nun holterdipolter auf einem Rollbrett mit zunehmender Geschwindigkeit die abschüssige Strasse hinab.
Schlifi erhascht grad noch einen Blick von seinem Bruder, welcher sich verzweifelt mit den Vorderbeinen am Brett festklammert, während seine Hinterbeinchen in der Luft vergeblich nach einem Halt suchen.
Eigentlich ein putziges Bild, wäre da nicht die Hilflosigkeit in Schlufis Augen...und der dumpfe Knall, als das Gefährt an der Mauer des Nachbarn jäh gestoppt wird.
Und wäre da nicht eine Schildkröte, die bewegungslos neben einem abgebrochenen Rad eines blauen Rollbretts liegt.

Viel Zeit verstreicht, bis Schlifi, völlig ausser Atem, endlich bei seinem Bruder angekommen ist.
"Hey Schlufi, was hast du nur gemacht?" stammelt er ganz verdattert, und ihm ist gar nicht wohl.
"Ist alles ok, kannst du dich bewegen?"

Schlufis Augen zeigen ein Blinzeln durch zwei schmale Augenschlitze.
Hmmm. So schlimm kann der Sturz also nicht gewesen sein.

"Ich weiss gar nicht, was passiert ist, das ging alles so schnell", jammert Schlufi.  "Eigentlich wollte ich nur testen, ob das Ding uns was nützt. Aber was soll's.  Komm, lass uns weiter laufen, bevor uns die Lust an unserem Abenteuer vergeht."
Er ist wieder ganz in seine Rolle als 'grosser Bruder' zurückgekehrt.

"Juppi Schlufi, siehst du auch, was ich sehe, dort mitten auf dem Weg? " Die Pfütze lässt das Unglück schnell vergessen. Die beiden laufen wie gestört schnurstracks darauf zu.

"Komm lass uns darin planschen, schau nur, Spatz Piepmatz plustert sich bereits mit seinen feinen Federn darin auf. "

"Was heisst hier Spatz? Hää?"  Der schwarze Vögel stellt sich bedeutungsvoll in Pose.
"So eine Frechheit ist mir noch nie untergekommen!" Der Vogel ist ausser sich.
Und mit Schnabel, Flügeln und Füssen drischt der Rabe - und das ist sein richtiger Name - auf die beiden zu Tode erschrockenen Weltentdecker ein, so dass ihnen Hören und Sehen vergeht.

"Aua" und "Aufhören" und "Neiiiinn"
sind die Worte, die zu den ausgefallenen Schwanzfedern, die überall verstreut umher liegen, passen. Und Striemen und Wunden auch.
Schmerzen sind die Zeugen eines Irrtums, der ihnen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Schlifi meint traurig: " Wenn wir uns nur nicht so unendlich langsam bewegen würden, dann wäre dies alles nie passiert."

"Weisst du Schlifi , irgendwie haben wir uns saudumm angestellt, uns so verhauen zu lassen, von diesem blöden Vogel! Was lernen wir nun daraus?"

"Wir könnten ja immer ganz höflich fragen: Wer bist du denn, und wie heisst du? Damit es keine Missverständnisse mehr gibt, denn so verhauen will ich nie mehr werden! "
Und das ist nicht nur Schlifis Meinung.

Erschöpft hocken sich die beiden an den Strassenrand und begutachten die Umgebung.

"Hey, siehst du auch, was ich sehe, Schlufi? Dort drüben in dem Laden gibt's was zu futtern. Sieh nur, wow, frisches Obst und Gemüse, nicht so lampiges Zeugs, wie bisher! Aber ohjee ohjee, das  Paradies liegt auf der anderen Strassenseite! Etwas zum Mampfen aber wäre nicht schlecht, was meinst du? Schau, ein Stück weiter vorne sehe ich auf der Strasse diese gelben Streifen, da eilen die Menschen darüber. "

Schlufi denkt nach. Also, wenn wir mit unserem Tempo über die Streifen schnecken, dann sind wir mehrfach tot, eh wir auf der andern Seite ankommen. Wir müssen uns was einfallen lassen. Schliesslich sind wir clever.
 Auch in Schlifis Kopf scheint sich was zu tun.
"Ich hab's!" rufen beide gleichzeitig, wie aus der Pistole geschossen."Zuerst du!" "Nein. du!"

Natürlich ist es wieder Schlifi, den es fast zerplatzt, bis er seinen Vorschlag mitteilen kann.
"Schau Schlufi, mit meinen Adleraugen habe ich was entdeckt: Dort vorn, auf unserer Strassenseite, hängt an der Dachrinne jenes kleinen verlotterten Hauses ein Tier. Kannst du es sehen?"

"Tatsächlich! Ein Affe. Der ist sicher ebenfalls ausgebüxt; aus dem Zoo oder Zirkus" meint Schlufi."

Und Schlifi fährt weiter "Den könnten wir doch fragen, ob er uns auf seinem Rücken oder auf den Händen hinüberträgt". Schlufi blickt seinen Bruder kritisch an.

"Ok, ok. Ich verstehe. Wie sieht denn dein Vorschlag aus?  Schlufi, hey komm erzähl schon! "

"Also, ich denke mir, dass wir vor diesen Streifen dort stehen und auf eine ältere Frau warten, die einen Einkaufswagen hinter sich herzieht. Dann hocken wir uns vor sie hin, heben unsere Köpfe  und machen auf tollsten Augenaufschlag. Und da alte Leute oftmals sehr weise sind, weiss sie sicher was wir wollen, hebt uns hoch, und steckt uns in ihren Wagen und zieht uns über die Strasse. Und weil ja jeder weiss was Schildkröten mögen, kauft sie uns noch etwas zum futtern."

"Alles Quatsch!" krächzt es bedrohlich in ihre Ohren.
"Huch, Schlufi, der böse Vogel ist zurückgekehrt." Unbeweglich vor Schreck starren die beiden Brüder auf den Raben.
"Keine Sorge!" macht dieser und winkt mit einem Flügel ab. " Ich hab die Beleidigung weggesteckt. Ihr wusstet es ja nicht anders. Ihr Landeier." Und ein Lächeln huscht über seinen beeindruckenden Krummschnabel.

"Schaut nochmals zum Fussgängerstreifen. Linkerhand seht ihr ein Rohr. Da fliesst ein Bach unter der Strasse durch. Kraa. So kommt ihr mühelos auf die andere Straßenseite. Denn für die Strasse müsst ihr viel schneller werden, wenn euch euer Leben lieb ist."
Und bevor die beiden verdatterten Schildkröten auch nur 'danke' sagen können, ist der Schwarze wieder wie vom Erdboden verschwunden. Ja, das ist wirklich die beste Lösung. Und recht hat der erst noch: Schneller mussten sie werden.

"Also dann auf  zu neuen Abenteuern !" ruft Schlifi fröhlich, "mein Hunger wird nicht kleiner."

"Aber pass bloss auf dich auf , Bruderherz. Schwimmen ist nach dieser langen Zeit  des Eingesperrtseins nicht gerade unsere Stärke!"

Doch voller Neugier ziehen jetzt die beiden los, Richtung Röhre.

"Herrjemine, sieh dir nur dieses steile Ufer an, das zum Wasser hinunter führt! "ruft Schlufi ängstlich. "Die Röhre beginnt ja erst etwas weiter vorne."

"Ach, komm lass uns ein Wettrennen  machen " lockt Schlifi, "das wird lustig. Hinunter laufen unsere Beine ja wie von selbst."
Ja, für ein Wettrennen ist Schlufi immer zu haben. Und schon geht bei beiden die Post ab..

"Uiuiui, mir wird ganz komisch",  jammert Schlifi.

Schlufi, dieses mal der Clevere, schreit: "Ätsch, ätsch, ich bin schon im Wasser! He, ist ja ein Rennen." Und schon plumpst auch Schlifi hinein.

Auf den leichten Wellen des Baches gleiten sie in ihren Panzern in die dunkle Röhre.

Es wird dunkler und dunkler. Aber bevor es Schlifi mit der Angst zu tun bekommt, meldet sein Bruder:  "Land in Sicht, gewonnen!"

"Du hast aber auch den grösseren Panzer, das ist unfair!"

"Ja, und da passt ordentlich Futter rein. Aussteigen ! Jetzt geht's ab ins Paradies."
Die beiden Schildkröten klettern voller Vorfreude auf eine Schlemmermahlzeit die Böschung hoch.

«Bravooo !» krächzt da die wohlbekannte Stimme.  "Ihr seid lernfähig, habt ihr ordentlich hingekriegt diese Schwimmerei. Aber nun geht's Richtung Futter, los kommt, dalli, dalli. "

"Hey, du da ", meldet sich Schlifis etwas ärgerliche Stimme. "Wenn du unser Freund und Helfer werden willst, so verrate uns erst mal deinen Namen!"

"Kra, kra», krächzt der Rabe heiser zurück, "ob ich euer Freund werden will, muss gut überlegt sein. Also los, ihr beiden lahmen Säcke, beeilt euch etwas, sonst ist der Laden ausverkauft, und ihr müsst weiter hungern! Meinen Namen werde ich euch verraten, wenn unsere Bäuche satt sind." Das ungleiche Trio macht sich auf den Weg.

Noch bevor die drei den Lebensmittelladen erreichen, setzt sich der Rabe in ihre Mitte und seine Stimme wird ein Flüstern. „Wartet hier! Für 3 hungrige Mäuler könnte es gefährlich werden. Bleibt da in der Ecke. Ich bringe euch das Futter.“

Und bevor die beiden Schildkröten auch nur ‘pap' sagen können, regnet es frischen Salat, knackiges Gemüse, saftige Tomaten, ja alles, was ihr Herz begehrt, auf sie nieder.
Wieder und wieder fliegt der Rabe seine Runden mit immer neuen Leckereien im Schnabel, die er auf die beiden niederfallen lässt.
Solange, bis der  Schrei einer menschlichen Stimme, gefolgt von einem lauten Knall, die Luft zerreisst. Dann hört der Segen aus der Luft so plötzlich auf, wie er gekommen ist.
Den beiden bleiben die Bissen im Mund stecken, und sie blicken einander erschrocken an.

"Nichts wie weg!" meint Schlufi und die beiden machen sich, so schnell es eben geht, aus dem Staub.








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